Diskussionsveranstaltung zum Thema NS-Zwangsarbeit in Bitterfeld-Wolfen

Am 22. Mai 2026 hat die Bürgerstiftung Bitterfeld-Wolfen im Hörsaal des Rathauses (Wolfen) bei der Veranstaltung „Zwischen Werkstor und Lagerzaun“ die Zwangsarbeit vor Ort während der NS-Zeit thematisiert.

United for Democracy

Rathaus Wolfen (ehemaliges Forschungs- und Verwaltungsgebäude der Agfa) (c) Finkelstein Stiftung

 

Der Hörsaal Rathausgebäudes, welches ursprünglich als Forschungs- und Verwaltungsgebäude der Agfa genutzt wurde und dessen Geschichte daher untrennbar mit der I.G. Farbenindustrie AG verbunden ist – war am 22. Mai Ort der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und Demokratie heute.

 

Am Morgen besuchten ca. 100 Schüler*innen die „Meile der Demokratie“. Unter dem Motto „Vergangenheit erinnern, Demokratie verstehen” lud eine Reihe verschiedenster informativer und interaktiver Stände dazu ein, sich mit Themen rund um Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungskultur sowie Resilienz und Stärkung von Demokratie zu befassen.

 

Im Anschluss nahmen sie an einer Informationsveranstaltung zum historischen Ort Bitterfeld-Wolfen und seiner NS-Vergangenheit teil. Uwe Holz, ehemaliger Leiter des Industriemuseums Wolfens erklärte, warum die Beschäftigung mit Geschichte auch für diese Generation wichtig ist: „Geschichte wird immer gemacht, ob Sie etwas tun oder ob Sie nichts tun. Sie sind immer Teil davon und sollten sich bewusst sein, dass Sie sie mitgestalten können.“

 

Am Abend war zu einem ähnlichen Programm die interessierte Öffentlichkeit eingeladen. Ca. 90 Menschen kamen, um den Vortrag von Günter Matter zur I.G. Farben und Zwangsarbeit in Bitterfeld-Wolfen zu hören. Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion statt mit: Oberbürgermeister Armin Schenk (CDU), Dr. Alexander Klose (Forschungsgruppenleiter am Just Transition Center in Halle/Saale), Dr. Günter Matter (ehemaliger Mitarbeiter der Filmfabrik Wolfen) und Annemarie Hühne-Ramm (Leiterin der Finkelstein Stiftung).  Sie gingen der Frage nach, welche Ableitungen wir heute und in Zukunft aus der lokalen NS-Geschichte ziehen können und warum wir uns für Demokratie einsetzen. Auch am Abend gab es die Möglichkeit, die „Meile der Demokratie” zu erkunden.  

 

 

Historischer Hintergrund der NS-Zwangsarbeit in Bitterfeld-Wolfen:

 

Zur I.G. Farben gehörten im Raum Bitterfeld-Wolfen mehrere große Werke, darunter die Bitterfelder Anlagen der früheren Griesheim-Elektron sowie die ehemaligen Agfa-Betriebe mit der Farbenfabrik in Greppin und der Filmfabrik in Wolfen. Ab Kriegsbeginn wurden in großem Umfang Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt. Im November 1944 waren es allein in der Filmfabrik 4.629 Frauen, Männer und Kinder. Auf dem Gelände der Firmen und in der Umgebung entstanden Barackenlager zur Unterbringung.

 

Im Mai 1943 richtete die Werksleitung gemeinsam mit der SS auf dem Firmengelände der Filmfabrik ein Lager für KZ-Häftlinge ein. Zunächst unterstand es dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Ab September 1944 war es als „Außenlager VI“ dem Konzentrationslager Buchenwald unterstellt. Zu diesem Zeitpunkt waren dort 425 Frauen im Alter von 16 bis 58 Jahren inhaftiert, die meisten von ihnen aus osteuropäischen Ländern. Die meisten Frauen arbeiteten in der Zellstoffherstellung – zumeist 12 Stunden täglich, unter unwürdigen Bedingungen, ungeschützt vor giftigen Materialien. Mindestens zwei Gefangene starben im Lager; viele weitere wurden in das KZ Ravensbrück deportiert. Im Februar 1945 deportierte die SS 200 Frauen in das KZ Bergen-Belsen. Die verbliebenen Frauen wurden zwei Monate später von der SS auf Todesmärsche getrieben. 

 

 

Die Veranstaltung wurde von der Finkelstein Stiftung gefördert.