Forschungsprojekt zu Schering AG und NS-Medizinverbrechen
Die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung fördert gemeinsam mit der Schering Stiftung ein Forschungsprojekt zur Frage der Beteiligung der Schering AG an Menschenversuchen während des Nationalsozialismus. Das am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin angesiedelte Vorhaben läuft von Juli 2026 bis Juni 2027. Die Forschungsergebnisse werden in einer Publikation zusammengefasst.
Verwaltungsgebäude Schering 1937 © Bayer AG, Bayer Archiv Leverkusen
Die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung fördert ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Schering AG im Nationalsozialismus. Das Vorhaben wird auch durch einen Zuschuss der Schering Stiftung unterstützt.
Die Projektleitung liegt bei Prof. Dr. Volker Hess, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Die wissenschaftliche Bearbeitung und Erstellung der Publikation übernimmt Dr. Annette Hinz-Wessels, die durch zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der NS-Medizin und ihrer Opfer ausgewiesen ist.
Obwohl Literatur zur Unternehmensgeschichte der Schering AG vorliegt, wurde die Frage einer Beteiligung des Unternehmens an Menschenversuchen im Nationalsozialismus bislang nur am Rande behandelt. Das Forschungsprojekt möchte diese Forschungslücke schließen und einen wissenschaftlichen Beitrag zur historischen Aufarbeitung leisten.
Im Zentrum der Untersuchung stehen drei Fallkomplexe, bei denen in der Forschung Zusammenhänge zwischen der Schering AG und Menschenversuchen aus einer Vorstudie bekannt sind. Dazu gehören die Sterilisationsversuche des Gynäkologen Carl Clauberg im Konzentrationslager Auschwitz, die Sulfonamidversuche des Arztes Josef Vonkennel im Konzentrationslager Buchenwald sowie die Hormonversuche des dänischen SS-Arztes Carl Værnet an Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald.
Ziel des Projekts ist es, die jeweiligen Versuche zu rekonstruieren, sie in die Forschungs- und Arbeitsfelder der Schering AG einzuordnen und die wissenschaftlichen sowie wirtschaftlichen Netzwerke zu untersuchen, in denen sie entstanden. Dabei soll geklärt werden, ob und in welchem Umfang das Unternehmen beteiligt war und welches Wissen beim Unternehmen vorhanden war. Die Untersuchung ist ergebnisoffen angelegt, da Vorstudien die Möglichkeit nahelegen, dass eine vorsätzliche Beteiligung der Schering AG an verbrecherischen Menschenversuchen aufgrund der bestehenden Aktenlage nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.
Für die Forschung werden umfangreiche Quellenbestände ausgewertet. Dazu zählen unter anderem Unterlagen aus dem ehemaligen Firmenarchiv der Schering AG, Bestände des Bundesarchivs, des Arolsen Archivs, dem Archiv der Max-Planck-Gesellschaft sowie Dokumente aus Landes-, Universitäts- und Gedenkstättenarchiven in Deutschland und Polen.
Die Ergebnisse des Projekts sollen in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht und in den breiteren Kontext der nationalsozialistischen Medizinverbrechen eingeordnet werden. Zudem ist eine öffentliche Präsentation in Berlin im Sommer 2027 geplant.