Erfahrungsberichte von ASF-Freiwilligen 

Der Verein Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF) bietet vielseitige Möglichkeiten, ein internationales Freiwilligenjahr zu absolvieren und sich dabei für Bildung und länderübergreifende Erinnerung zu engagieren. Die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung fördert seit 2025 jährlich sechs ASF-Einsatzstellen. Manche Freiwillige haben nach ihrem Auslandsjahr ihre Erfahrungen mit uns geteilt. 

 

 

Rona über ihr ASF-Jahr in Mechelen (Belgien)

ASF-Freiwillige Rona

Rona (22 Jahre) aus Hemer, Nordrhein-Westfalen, hat ein ASF-Freiwilligenjahr in der Gedenkstätte Kazerne Dossin in Mechelen gemacht. 

Meine Arbeitsstelle ist die Kaserne Dossin, in deren Museum sich über vier Etagen hinweg eine Wand mit Porträts der 25.843 Opfern erstreckt, welche von dort aus während des zweiten Weltkrieges deportiert wurden, darunter hauptsächlich Menschen jüdischen Glaubens aber auch ca. 350 Sinti und Roma. Die alte Kaserne diente als Sammellager, da Mechelen zwischen den beiden Großstädten Antwerpen und Brüssel gelegen ist, in denen es große jüdische Gemeinden gab. Der Ort war zudem als Sammellager strategisch gelegen, da die Bahngleise direkt an der Kaserne verliefen, von wo aus die 28 Transporte innerhalb der Jahre 1942-1944 nach Auschwitz abfuhren. Nur etwa 5% der Menschen kehrten zurück, ein Großteil wurde direkt bei Ankunft in Gaskammern ermordet. Auch wenn in der Kaserne niemand umgebracht wurde und es auch sonst wenig physische Gewalt gab, bin ich mir der Bedeutung meines Arbeitsplatzes als „Vorzimmer von Auschwitz“ bewusst.   

 

Das Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Opfern, die während der Aufnahme in der Kaserne als erstes beispielsweise durch die Herabstufung auf eine bloße Zahl entmenschlicht wurden, ihre Würde und Individualität zurückzugeben. Die Wand, die sich im Museum über vier Stockwerke erstreckt führt einem die Dimension des Verbrechens vor Augen und gibt den Opfern ein Stück ihrer Identität zurück, welche sie vor ihrer Deportation abgeben mussten. Auch durch ein eher neues Projekt des Museums wird auf diese Weise erinnert: den Opfern nicht nur ihr Gesicht zurückzugeben, sondern auch ihre Stimme. „Elke naam telt“ bzw. „Every name matters“ ist eine Initiative, bei der Museumsbesucher oder Gruppen sich registrieren können, um einen Namen eines der Opfer in einem der Tonstudios im Museum einzusprechen. Der Algorithmus teilt einem eine Geschichte zu, die in irgendeiner Form mit einem selbst biografisch in Verbindung steht, zum Beispiel, dass man entweder Namen, Geburtsdatum oder Alter gemeinsam hat. Diese „Gemeinsamkeit“ macht das Einlesen eines Namens sehr persönlich.

 

Eines der Highlights dieses Jahr war die Führung, die ich Ende März für eine Schulklasse aus Berlin geben durfte. Diese habe ich selbst geschrieben und vorbereitet und zusammen mit einem anderen deutschsprachigen Guide eingeübt. Mir gefällt an meiner Arbeit, dass sie sehr abwechslungsreich ist und ich je zweimal die Woche in den unterschiedlichen Abteilungen des Museumsbetriebs arbeite und fast mehr Kollegin als Freiwillige bin.

 

 

Lucie über ihr ASF-Jahr in Osnabrück

ASF-Freiwillige Lucie Emilie Audrey

Lucie (23 Jahre) aus Divonne-les-bains, Frankreich, hat ein ASF-Freiwilligenjahr in der Gedenkstätte Augustaschacht in Osnabrück gemacht.

Augustaschacht ist eine kleine Gedenkstätte, und zunächst war ich besorgt, dass sie weniger interessant sein könnte als eine größere. Aber heute sehe ich ihre Größe als Chance. Erstens, weil ich dadurch alle möglichen Aufgaben innerhalb der Gedenkstätte ausprobieren kann. Da sie klein ist, gibt es keine klar abgegrenzten Abteilungen, und ich kann überall mithelfen. Im Moment arbeite ich hauptsächlich mit digitalen Archiven. Seit dem Jahr 2000 nimmt die Gedenkstätte Videos mit Überlebenden und Zeitzeugen auf. Viele von ihnen entstanden im Rahmen eines Programms namens „Begegnungsprojekt“. Studierende aus Osnabrück arbeiteten dabei mit Schülerinnen und Schülern aus Belarus oder der Ukraine zusammen, um gemeinsam Zeitzeugen aus dem jeweiligen osteuropäischen Land zu interviewen. Darüber hinaus habe ich die Möglichkeit, Führungen auf Englisch durch die Gedenkstätte zu machen, und arbeite daran, diese auch auf Deutsch anbieten zu können, da ich gerne bei Workshops mit Schulklassen mitwirken möchte. Außerdem werde ich auch zu ehemaligen französischen Häftlingen recherchieren.  

 

Augustaschacht ist Teil eines Netzwerks von Gedenkstätten mit dem Schwerpunkt Zwangsarbeit, sodass es auch gemeinsame Projekte gibt. Dank dieses Netzwerks habe ich oft die Möglichkeit zu reisen. Diese Reisen sind natürlich Schlüsselmomente meines Freiwilligendienstes, aber meine Arbeit ist auch von vielen einfachen und dennoch erfüllenden Augenblicken geprägt: Beispielsweise wenn ich sehe, wie meine Kollegin Tania die von mir erstellten Dateien nutzt oder wenn ich das fehlende Puzzlestück an Informationen finde, nach dem gesucht wurde. Ich freue mich, die Ergebnisse meiner Arbeit zu sehen, und ich mag es, auf meine kleine Weise dazu beizutragen, eine Erinnerung zu bewahren, die so schmerzhaft ist und erst kürzlich wiederaufgebaut wurde. 

 

Die verschiedenen Tätigkeiten im historischen Bereich kennenzulernen war einer der Gründe, warum ich mich für diesen Freiwilligendienst entschieden habe – und ich habe mich nicht geirrt. Im Laufe des Jahres wurde ich mit den Herausforderungen der digitalen Archivierung konfrontiert. Das hat mich nicht nur fasziniert, sondern mir auch geholfen, die Entscheidung zu treffen, mein Studium zu ändern und ein Masterprogramm in Digital Humanities und digitaler Archivierung zu beginnen. 

 

Meine Erfahrungen haben den Anstoß gegeben für viele Diskussionen mit Freundinnen, Familienmitgliedern oder Kolleginnen. Ich verstehe nun, dass viele Menschen in ihrem Bild von Faschismus nur an seine äußersten Konsequenzen denken, an diktatorische Gewalt und offenen Terror. Sie erkennen Faschismus erst, wenn er bereits an der Macht ist.

 

Ich möchte mich bei allen meinen Sponsoren bedanken, ohne die ich dieses Jahr, das mir viel gebracht hat, nicht hätte erleben können.

 

 

Lena über ihr ASF-Jahr in Paris

ASF-Freiwillige Lena Sophie

Lena (19 Jahre) aus Brühl in Nordrhein-Westfalen hat ein ASF-Freiwilligenjahr im Café des Psaumes (beim Projekt Convoi 77) in Paris gemacht.

Ich bin in einem Kombiprojekt als Freiwillige tätig. Zum einen arbeite ich im Mémorial de la Shoah, dem zentralen Gedenkort an die Shoah in Frankreich. Das Mémorial befindet sich im Marais, im jüdischen Viertel von Paris und ist sowohl ein Gedenkort und Museum, als auch ein Zentrum für Recherchen und Dokumentation. Um genauer zu sein, bin ich dort für das Projekt Convoi 77 zuständig. Das Ziel dieses Projektes ist es, die Biografien der 1306 Deportierten des letzten Konvois zu erarbeiten, der vom Sammellager Drancy bei Paris am 31.07.1944 nach Auschwitz fuhr. Dabei können Schulklassen, Lehrer*innen, Professor*innen und Freiwillige sich online einschreiben und nach Zuteilung einer der Deportierten deren Schicksal recherchieren und dieses anschließend in Form einer Biografie auf der Webseite des Projekts veröffentlichen. Die Idee des Projekts, das auch international agiert, also in all den 32 Ländern, aus denen die Deportierten des Convoi 77 stammen, ist es also, die Shoah mit pädagogisch innovativen Methoden an junge Generationen heranzutragen und so ein Vergessen der Geschichte zu verhindern. Durch die eigenständige Recherche können die Freiwilligen oder Schulklassen die Leben der Deportierten Stück für Stück erarbeiten und erhalten so einen viel persönlicheren Eindruck vom Ausmaß der Shoah und der Menschenleben, die diese ausgelöscht hat. Mir als Freiwillige ist also ebenfalls eine der Deportierten zugeteilt, deren Biografie ich nun erarbeite.  

 

Neben der Recherchearbeit helfe ich zudem jeden Dienstag bei der sogenannten „Permanence Photo“ - übersetzt sozusagen „Foto-Hotline“, mit. Nachmittags können so Zeitzeug*innen oder Menschen, die in irgendeiner Verbindung zur Shoah stehen, ins Mémorial kommen und Dokumente, Fotos oder andere Erinnerungsstücke abgeben und von ihrer Familiengeschichte erzählen. Das ist für mich unheimlich eindrucksvoll, zumal ich auch vor meinem Freiwilligenjahr wenig beispielsweise über die Rafles, also die Massenverhaftungen in Frankreich oder die Schicksale der Enfants cachés, der versteckten Kinder, wusste und so hier durch die Zeitzeugenberichte noch einmal einen ganz anderen Blick auf das Leben von Jüd*innen während des Zweiten Weltkriegs, nicht nur in Deutschland, bekomme. 

 

Im November wurde im Mémorial de la Shoah mit dem Projekt „live2tell“, einem Foto und Installationsprojekt einer New Yorker Fotografin, ein Tag organisiert, an dem ca. 60 Holocaust-Überlebende eingeladen wurden, Porträts zu schießen und ein Interview aufzunehmen. Die Fotos sowie Zitate der Interviewten sollen anschließend auf öffentliche Gebäude projiziert werden und so auf die persönlichen Geschichten und Erinnerungen der Holocaustopfer aufmerksam machen. An dem Tag haben meine Mitfreiwillige und ich die Eingeladenen im Mémorial empfangen, zur Maske und zur Fotografin begleitet und bei der Organisation geholfen. Auch wenn wir natürlich keine tragende Rolle in dem Ganzen hatten, war es unglaublich spannend, mit so vielen Zeitzeug*innen in Kontakt zu sein, zu sehen, wie sich alte Freunde wiedererkannten, die sich bei vorherigen Interviews im Mémorial kennengelernt hatten und in kurzen Gesprächen einen Eindruck von der Bedeutung dieses Moments für die Holocaust-überlebenden zu bekommen. 

 

Vielen lieben Dank an die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung, die meinen Freiwilligendienst fördert.