"Kornblumenblau" Spannende Finkelstein Lecture in Berlin
Am 07. Mai fand in Berlin bei Bayer eine öffentliche Veranstaltung mit der Autorin und Journalistin Susanne Beyer statt. Bei ihrer Lesung und im anschließenden Gespräch mit Annemarie Hühne-Ramm, hat die Spiegel-Journalistin einen Abend lang alle Besucher*innen mitgenommen auf eine Spurensuche in ihre Familiengeschichte.
Annemarie Hühne-Ramm, Leiterin der Finkelstein Stiftung, eröffnete die Veranstaltung mit ein paar Worten zur Stiftungsarbeit. Über die Aufarbeitung der NS-Geschichte der I.G.-Farbenindustrie AG sagte sie: “Als größtes Chemieunternehmen der Zeit, verstrickt in Zwangsarbeit, Kriegsproduktion und Lagersystem, aber auch mit einer langen Kontinuität bei Bayer nach dem Krieg – finden wir unterschiedliche Wege uns damit auseinanderzusetzen und Ableitungen für Gegenwart und Zukunft zu finden.”
Sie geht unter anderem auf die Ausstellung zur Geschichte der I.G. Farben ein, welche von der Finkelstein Stiftung gemeinsam mit dem Bayer Archiv konzipiert und zuletzt am Berliner Standort der Bayer AG gezeigt wurde. Die Besucher*innen der Finkelstein Lecture hatten vorher die Möglichkeit, die Ausstellung anzusehen und an einer Führung teilzunehmen.
Die Autorin las vier Stellen aus ihrem Buch und nahm die Gäste zu Etappen ihres Rechercheprozesses mit. Je mehr Hinweise sie zum Leben und den Todesumständen ihres Großvaters fand, umso mehr musste sie die jahrzehntelangen Erzählungen ihrer Familie infrage stellen, die ihn unter anderem als jemanden, der “kein Nazi” war, erinnerten. Zu stark erschienen ihr bei der intensiven Beschäftigung die Verstrickungen mit der Chemieindustrie, insbesondere der I.G. Farben und dem NS-Regime. Das Buch “Kornblumenblau” von Susanne Beyer dient auch als Anleitung, wie man selbst bei einer solchen Recherche vorgehen könnte.
Annemarie Hühne-Ramm betonte die Wichtigkeit von Recherchen in der eigenen Familiengeschichte. Nur so kann man sich der Frage nähern, wie sich die eigenen (Ur)Großeltern im Nationalsozialismus verhalten, ob sie vom verbrecherischen Regime profitiert oder vielleicht auch kooperiert haben – und Fragen zur eigenen Identität erörtern.
Im Anschluss an das Gespräch richtete das Publikum viele interessierte Nachfragen an Susanne Beyer und Annemarie Hühne-Ramm. Der Abend endete mit einem regen Austausch über die komplexen emotionalen und psychischen Aspekte, die bei der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der eigenen Familiengeschichte eine Rolle spielen. Es wurde deutlich, dass eine solche Recherche aufwühlend sein mag und bisher angenommene Wahrheiten infrage stellen kann, sie jedoch auch sehr lohnend ist, da die Suche nach Wahrheit einen zugleich mehr mit sich selbst und seiner Familie in Verbindung bringen kann.